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Interview mit Antje Monshausen – (Die Zeit)

Nach dem Attentat in Tunis planen viele aus Solidarität Ferien in Tunesien. Wer sich von Bettenburgen fernhalte, könne damit sogar etwas bewirken, sagt Antje Monshausen, Leiterin der tourismuskritischen Organisation „Tourism Watch“.

Das Interview aus der „Zeit“ Nr. 15/2015 steht hier.

……

Die komplette Fassung:

Frau Monshausen, haben Sie schon Ihren Osterurlaub nach Tunesien gebucht?

Nein, aber ich kann mir vorstellen, dass einige Leute überlegen, jetzt günstige Angebote zu nutzen. Andere, die schon länger gebucht haben, haben sicher auch Sorge, die Reise anzutreten.

Auf Twitter posierten viele mit Schildern, auf denen “Je suis Barbo” stand: Sie wollen nach dem Terrorattentat auf das Museum Barbo erst Recht Ferien in Tunesien machen. Hat Sie das überrascht?

Solche Gesten kennt man zwar, aber es freut mich, dass Menschen darüber nachdenken, wie sie Tourismus auch als Statement nutzen können. Bislang machten sich vor allem Globalisierungskritiker für politisch bewusstes Reisen stark. Und Tunesien, eher bekannt für strandnahen Bettenburgentourismus, war für diese Gruppe nie wirklich interessant.

Funktioniert das denn? Diese Art des Soli-Reisens tauchte auch nach dem Arabischen Frühling auf, als in vielen nordafrikanischen Ländern die Tourismuswirtschaft zusammenbrach.

Damals setzte eine schwierige Entwicklung ein. Die Tourismusministerien, die Tourismusbranche, alle riefen zu Reisen auf, um so die Revolution zu unterstützen. Ein Preisdumping setzte ein – um damit dem Unsicherheitsgefühl vieler Reisender etwas entgegenzusetzen. Doch aus dieser Abwärtsspirale führt kaum ein Weg wieder heraus. Tunesien hat zwar vermehrt alternative, kleinteiligere Tourismusstrukturen aufgebaut, aber jetzt nach dem Attentat suchen viele Reisende wohl leider wieder das Gegenteil.

Wie meinen Sie das?

Die, die Angst haben, bleiben in ihren Anlagen und verlassen die Resorts nur im klimatisierten Bus für Touren, wo bis hin zu Verträgen mit einzelnen Kunsthandwerkern alles zentral organisiert ist. Doch dieser Pauschaltourismus ist nicht gut für das Land. Wer für 199 Euro eine Woche Urlaub bucht, hilft niemandem. Wenn ich solidarisch sein will, dann sollte ich länger bleiben, gut vorbereitet sein, in kleinen Hotels übernachten, mit kleinen Gruppen unterwegs sein: Nur so profitieren mehr Menschen davon. Ich war vor zwei Jahren in Tunesien, ich habe erlebt, dass es diese Alternativen gibt.

Was haben Sie gemacht?

Ich war wegen des Weltsozialforums in Tunis – das übrigens gerade zum zweiten Mal in Tunis stattfand und ein wichtiges Zeichen der internationalen Solidarität mit der Region ist. Anschließend machte ich mit einem lokalen Guide eine Fünftagestour durch die Wüste. Je häufiger auch Orte im Hinterland besucht werden, desto eher wächst eine neue Infrastruktur. Denn die ist bislang vor allem auf Djerba und Tunis mit ihren Flughäfen ausgerichtet.

Sogar der tunesische Präsident forderte Touristen auf, weiterhin zu kommen. Er hätte wohl hinzufügen müssen: Aber bitte nicht in die Bettenburgen!

Diese individuelleren Reisen auszubauen ist erklärtes Ziel der Regierung. Es wäre eine Idee gewesen, den Veranstaltern der Kreuzfahrten vorzuschlagen, die Touren nicht abzusagen, sondern mit Reisen ins Landesinnere zu ersetzen.

Und wie sieht die Entwicklung in anderen Ländern des Arabischen Frühlings aus?

Ägypten ist in einer schwierigeren Situation. Wegen der angespannten Sicherheitslage findet Tourismus fast nur in abgeschirmten Hochsicherheitsgebieten statt, Rundreisen zu Kulturstätten sind stark zurückgegangen. Tunesien mit seiner neuen Verfassung, nach demokratischen Wahlen, ist ein Vorbild in der Region – es ist dramatisch, dass das Attentat nun vieles zurückzuwerfen droht. Bei einer akuten Krise verlieren viele das Gefühl für die tatsächliche Sicherheitslage, stattdessen herrschen Vorurteile und Angst. Das zeigte die Ebola-Epidemie in Westafrika: Die Reisebuchungen in Kenia, also auf der anderen Seite des Kontinents, brachen stark ein.

Den Aufruf, trotzdem zu reisen, hört man auch seit der Wirtschaftskrise in Südeuropa und oft nach Naturkatastrophen. Ist das was anderes?

Nein – und es ist ähnlich gefährlich. Kurzfristige Gewinnmaximierung ist nie eine Lösung, egal ob in Griechenland, Spanien oder Tunesien, notwendige Reformen werden so nicht angegangen. Auch der Aufruf nach Naturkatastrophen, „schnell zur Normalität zurückzukehren“, kann nach hinten losgehen.

Inwiefern?

Nur schnell den Tourismus anzukurbeln, greift zu kurz – man müsste sich die Zeit nehmen, aus den Fehlern zu lernen. Wie wichtig das ist, hätte man nach dem Tsunami in Asien vor zehn Jahren erkennen müssen. Denn dass das Ausmaß der Katastrophe so enorm war, lag auch daran, dass die Mangrovenwälder und Korallenriffe an der Küste wegen des Tourismus zerstört waren. Leider machte man danach einfach so weiter. Ummittelbar nach einem Unglück sollte sowieso kein Urlauber ins direkte Katastrophengebiet reisen, um die Arbeit der Rettungskräfte nicht zu behindern, und damit knappe Nahrungsmittel und Trinkwasser den Einheimischen vorbehalten bleiben.

Und wo hat man gelernt? Auch andere Destinationen waren nach Wirbelstürmen zerstört, Haiti, immer wieder die Philippinen.

Mir sind leider keine positiven Beispiele bekannt. Im Gegenteil, oft setzt gerade nach Naturkatastrophen eine rasche Tourismusenwicklung ein, die wenig Rücksicht auf die lokale Bevölkerung und die Umwelt nimmt. Es ist leider üblicher, dass dann neue Küstenschutzgesetze eingeführt werden, die die lokalen Fischer vertreiben, weil sie nur noch im Abstand von 200 Metern vom Strand leben dürfen. Hotels verwehren ihnen dann zusätzlich den Weg zum Wasser.

Die Verantwortung liegt nicht nur beim Urlauber. Der Verband der Deutschen Reiseveranstalter hat sogar eine Hilfsorganisation, die betroffene Gebiete unterstützt. Ist das nicht fast zynisch?

Nein, das ist ein Zeichen menschlicher Anteilnahme im Angesicht existentieller Not und es ist ein Zeichen der Solidarität mit ihren Partnern vor Ort. Aber finanzielle Hilfe kann nachhaltiges Wirtschaften nie ersetzen. Reiseveranstalter sind dauerhaft gefordert, auch – und gerade in Krisenzeiten – gute Löhne zu zahlen, sich um Abfall- und Wasserentsorgung zu kümmern und die Bedürfnisse und Rechte der lokalen Bevölkerung zu achten. Das sicherzustellen ist für die Unternehmen Pflicht gemäß der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Doch ist es leider noch kein Standard in der Branche.

Gerade bei Ländern, in denen Menschenrechtsverletzungen Usus sind, ruft man sonst eher zu Boykotten auf. Was halten Sie davon?

Ein grundsätzlicher Boykott trifft oft die falschen. Als Reisender muss man die ökonomische und die soziale Dimension von Reisen abwägen. Als Tourist stützt man autokratische Strukturen finanziell, die Machthaber profitieren von Visagebühren oder Einnahmen eigener Hotels. Andererseits ist der Kontakt zu Touristen oft der einzige Weg für Einheimische, an Informationen zu kommen, sich auszutauschen.

Mit Reisen zu helfen, das kennt man auch vom Voluntourismus, wo Urlauber in der Fremde mit anpacken. Von diesem Trend ist ihre Organisation nicht so begeistert. Wieso?

Es ist toll, wenn Menschen auch im Urlaub hinter die touristischen Kulissen schauen wollen. Doch bei den meisten Angeboten geht es nur um die Wünsche des Reisenden, die Interessen der lokalen Bevölkerung werden kaum berücksichtigt. Ohne Vorerfahrung innerhalb von zwei Wochen ein Projekt sinnvoll zu unterstützen, ist leider kaum möglich.

Naja, um Schildkröteneier zu retten, braucht man kaum Berufserfahrung.

Nein, aber gerade weil in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern die Arbeitslosenquote sehr hoch ist, ist es kontraproduktiv, Jobs an zahlende Touristen abzugeben, die auch Menschen vor Ort übernehmen können. Drei Wochen Tunesienurlaub in kleinen Hotels, organisiert über lokale Veranstalter mit vielen Begegnungen, kann einen deutlich positiveren Effekt haben.