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Der Luxus von Nichts – (Süddeutsche Zeitung)

Ein paar Tage Minimalismus – in einem umgebauten Bauwagen in den Alpen.

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Hier die Fassung aus der SZ.
(P.S.: Kathrin ist keine Sennerin)

Und hier die Ursprungsfassung, die wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit logischerweise eingekürzt wurde:

Himmel, Berge, Kernseife

Ohne Strom, ohne fließend Wasser, dafür mit einem alten Bauwagen: ein Wochenende ohne alles, hoch oben in den Graubündner Bergen. Das einfache Leben als Luxustrip.

Und dann ist es auf einmal still. Man ist alleine, nur irgendwelche Insekten zirpen und zischen. Das nächste Dorf ist 20 Minuten zu Fuß entfernt. Kein Strom, kein fließend Wasser, keine Menschenseele. Dafür ein Bauwagen auf einer kleinen Wiese, mitten in den Schweizer Bergen, in 1300 Meter Höhe. Ein Zuhause für ein paar Tage.
Rechts führt der Hang nach oben, Waldflecken und steile Wiesen gehen ineinander über. Links fällt der Hang steil ins Tal, gegenüber die nächste Bergkette. Tief unten sieht man es rot blitzen, ein Zug schlängelt sich durchs Grün und hält. Der Bahnhof im Tal. Dort war man vor nicht einmal einer halben Stunde angekommen.

Wohin nur Rufbusse fahren

„Ach, zum Hippiewagen wollen Sie“, der Busfahrer hatte gegrinst. Er hatte sich spontan erbarmt, unten, am Bahnhof von Tiefencastel.

Die Sonne knallte auf den kleinen Vorplatz, als ein Postbus nach dem anderen vorfuhr, wieder und wieder der falsche. Und wieder zischten die Türen auseinander. „Nach Stierva, da hätten Sie reservieren müssen“, rief der Fahrer gut gelaunt nach draußen. Und man stand da mit dem kleinen Wanderrucksack und dem Schlafsack und hielt es für einen Scherz.

Es war keiner. Zwischen dem Tal und Stierva fahren fast nur Rufbusse, auf Bestellung. Ein schneller Blick nach oben auf die Bergwand, wo man ein paar Häuser als Stierva ausgemacht hatte; logisch, eine feste Busverbindung wäre unsinnig. Man fühlte sich ertappt, wie der dummer Großstädter, der man nun einmal ist. „Ich habe Pause, steigen Sie ein, ich fahre Sie“, der Tonfall war amüsiert. Wieder hielt man es für einen Scherz. Es war auch dieses Mal keiner.

Also jagt nun ein quasi komplett leerer Bus in einem Affentempo die engen Serpentinen entlang nach oben, gen Stierva, zum „Hippiewagen“. Einhändig lenkt der Fahrer um die nächste Nadelkurve, immer steil bergauf. Der Blick übers Graubündner Tal weitete sich, ein Berggipfel nach dem anderen wird sichtbar, alles leuchtet in der Mittagssonne als gäbe es keine strahlenderen Farben als Blau und Grün.

Weit weg von Häuserwänden

Am Morgen war man noch im dichten Betonwald Berlins gewesen, wo die Horizontlinie immer nur bis zur Häuserwand vis-à-vis reicht. Hier: Himmel, Berge, Tal.
 „Ich höre bald hier auf“, ruft der Busfahrer ins Motorengeräusch, „ich war jetzt zwei Jahre hier, es ist mir zu einsam. Ich will in die Stadt, nach Chur.“ Chur, nicht einmal 40 Kilometer entfernt, hat etwas über 30.000 Einwohner.

Stierva hat 140. Eine davon steht oben an der Bushaltestelle, am Ortseingang, direkt hinter dem Schild mit dem durchgestrichenen Posthorn. Es ist Erika Brenn, sie frotzelt ein wenig mit dem Fahrer, man kennt sich hier oben. Erika Brenn ist die Bäuerin eines Biohofs, den sie mit ihrem Mann betreibt, ihnen gehört der „Hippiewagen“.
Sie hat dieser Tage wenig Zeit, denn die Sonne scheint, endlich, die Heuernte muss eingebracht werden, solange das Wetter hält. Brenn ist mit dem Vierrad-Jeep gekommen. Es geht rumpelnd über den Feldweg, immer weiter nach oben. Die letzten Meter geht es nur zu Fuß, knietief durchs hohe Gras. Man sieht den Bauwagen erst spät, versteckt hinter einer Reihe hoher Tannen.

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„Der Platz ist gepachtet“, erklärt Brenn. „Im Winter holen wir den Wagen auf den Hof.“  Seit sieben Jahren vermieten sie und ihr Mann ihn nun schon. Er ist Enzianblau angestrichen, an den Seitenwänden prangen Löwenzahn, Pusteblumen, Gänseblümchen. „Tgesa Flourigna“ steht in Schnörkelschrift neben der Tür, rätoromanisch, „Blumenhaus“. Erika Brenn schließt noch den Wagen auf, überreicht den Schlüssel, stellt einen Korb mit Essen hin, einen Sack Kohle, „ich muss jetzt auf den Berg“.

Der Bergbach die Dusche, der Grill die Küche

Dann ist man allein. Für ein Wochenende im Luxus des Nichts. Der Bauwagen mit dem runden Dach außen und der schlichten Holzverkleidung innen die Schlafstätte, eine Matratze mit Holzgestell darunter, sie nimmt fast die Hälfte des Raums ein. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Spüle und zwei gasbetriebene Herdplatten – für den Notfall, sprich: schlechtes Wetter. Hinterm Bauwagen versteckt ein Plumpsklo mit Campingtoilette. Ansonsten gilt: der Bergbach die Dusche, der Grill die Küche.
Das „Blumenhaus“ gehört zu einer lokalen Initiative, seit 2003 kann man über „Wasser und Brot“ ungewöhnliche und vor allem spartanische Übernachtungsmöglichkeiten im Albulatal mieten. Es gibt auch einen Heuschober, ein Tipi-Zelt, ein Bett im Kornfeld. Urlaub in den Bergen so rudimentär wie möglich, das war die Idee der Macher. Brenns Mann hatte damals den Anstoß dazu gegeben, das Projekt funktioniert ohne großes Tamtam, weil jeder, der mitmacht, sich selbst um alles kümmert.
„Viele kommen hierher, weil sie das Einfache suchen“, sagt Erika Brenn. „Sie wollen die Natur bewusst genießen“. Es werden immer mehr, sagt sie.
 Dass die Abwesenheit von Luxus der neue Luxus ist, haben die Schweizer längst gemerkt. Viele einsame Hüttchen ohne Strom, fließend Wasser und Wlan in der Schweiz kosten mittlerweile so viel wie ein Bett im Fünfsterne-Hotel; sogar die Schweizer Tourismusbehörde hatte im Sommer in einer großen Kampagne für „Urlaub ohne Internet“ geworben.
Zeit, das Mobiltelephon abzuschalten.

Nur das Schmatzen nervt

Wenn „Wasser“ und „Brot“ das simple Leben symbolisieren sollen, dann kann damit nicht die Menge gemeint sein. Wasser gibt es hier im Überfluss. Der Gebirgsbach ist nicht zu überhören, selbst vom Wagen aus. Ein federnder Steg führt über die moor-feuchte Wiese zu einem Holztrog. Es ist ein halber Baumstamm, ausgehöhlt, schon grau geworden von der Witterung. Ein Schlauch leitet das Bergwasser sprudelnd in den Trog, so unregelmäßig als würde sich das Wasser an sich selbst verschlucken. Daneben eine knochenweiße Kernseife.
Schon der Gang zum Wasser macht seine eigene Musik, die Holzplanken des Stegs reiben sich knarrend und quietschend aneinander, das helle Schmatzen des Abwasserschlauchs wird immer lauter, je näher man kommt. Es lässt sich nicht schönreden: Das Schmatzen nervt.
Von wegen still. Da ist zum einen der Wind. Und die Grillen, die übers Gras surren, das heisere Schreien der Greifvögel oben am Himmel. Und dazwischen schmuggeln sich immer wieder ein paar Kuhglocken, sie markieren eine unheimliche Abwesenheit, denn zu sehen sind die Tiere nirgends. Absolute Stille also. Es kommt einem in den Sinn, dass im Film Stille über Geräusche evoziert wird. Laute, die man sonst nicht hören kann, weil der Alltagslärm alles andere übertönt.

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Man hört all dies ans Geländer aus dünnen Birkenstämmen gelehnt. Und so sitzt man da, mit zwei, fünf, sieben Schmetterlingen auf Beinen und Armen, lässt den Blick über die wuchtige Übermacht der Berge streifen. Entlang der schroffen Kämme und Spalten, der Erdrutsche, die relativ frisch aussehen. Und denkt: Wenn es hier heroben regnet, diesig ist, klamm, wie soll man das nur aushalten.
Wer so die Zeit vergehen sieht, weil die Schatten wandern und die Berge modulieren als wären sie aus Knete, realisiert auf einmal: Weiter entfernt von der abstrakten Online-Welt, und das innerhalb eines halben Tags, das geht kaum. Dieses Leben hier ist handgemacht.

Kitsch zum Trinken

So wie die Salsiz-Wurst, die in dem Verpflegungskorb steckt, den Erika Brenn dagelassen hat, so wie die kleinen Gläschen mit Apfelgelee und Aprikosenmarmelade, sowie die Flasche mit Schnappverschluss und der pastosen Flüssigkeit in Hellrosa: Thymiansirup. Gibt man ihn ins klirrendkalte Bergwasser, das alleine schon lecker genug ist, schießt einem schon beim ersten Schluck irgendein Kitsch-Gedicht über die Berge und die Kräuter und die Luft durch den Kopf.

Die Hierarchie ist vollkommen klar, die Natur hat das Sagen. Alles, was die Menschen machen können, ist, sich anzupassen. Man sieht es an den Dörfern im Tal, die eben nicht direkt in die Gefahrenzone möglicher Lawinenwege gebaut sind. An den Strommasten, die sich an den Berg klammern, irgendwie verzweifelt.
Und an den Mustern, die die Männer in diesen Tagen in die Bergwiesen furchen. Die steilen Hänge können nur per Hand mit der Sense gemäht werden. Die vom Mähen gestreiften Wiesen ziehen sich vom Bauwagen bis nach Stierva hinein.

Der Ort ist wie ausgestorben. Alle sind auf den Feldern, in den Steilhängen am Berg, arbeiten. Auch in dem kleinen Tante Emma-Laden ist keiner. Hier muss bis mittags Brot bestellen, wer welches für den nächsten Tag will. Viele werden es wohl einfach selbst backen. Die Spur der Heuernte zieht sich auch weiter den Berg hoch. Kleine Unimog-Fahrzeuge düsen vorbei, bis oben voll beladen.

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Ganz oben, jenseits der Baumgrenze, auf 2000 Meter Höhe, wohnt derzeit Kathrin, eine Lehrerin aus Zürich. Schon den ganzen Sommer lang betreibt sie eine kleine Gastwirtschaft in ihrem „Hüttli“. Zum ersten Mal, es war die Idee von Roman Brenn, die Hütte neu zu nutzen. Für Wanderer, die ab und an vorbeikommen, gibt es Kuchen mit Äpfeln, Zwetschgen, Schoggi, Weißwein mit Pfefferminzsirup, alles selbstgemacht. Der Ofen bollert rund um die Uhr, neben der Hütte stapeln sich frisch geschlagene Holzscheite.
Kathrin hatte Lust auf diese Einsamkeit. Sie trägt Lippenstift, eine große Kette um den Hals, „Ich weiß, ich sehe nicht so aus“, sie lacht. „Ich habe seit Wochen nicht geduscht und bin trotzdem sauber“, sagt sie. Morgens um sechs beginnt ihr Tag mit kaltem Bergwasser, er endet abends, wenn der Fuchs und die Murmeltiere vorbeikommen. Sie hat schon beschlossen: Nächsten Sommer wird sie weitermachen.

Zähneputzen mit Bergsicht

Zurück am Bauwagen kommt die Nacht. Wenn die Sonne weg ist, der Grill erloschen, wird es kalt. Nur der Bauwagen hat noch die Hitze des Tages gespeichert. Durchs Gras schleicht ein Tier, vielleicht ein Fuchs, ein Reh, man wüsste es gern. Der Mond leuchtet hell wie eine Straßenlaterne.
Dann der Morgen. Es ist klamm im Wagen. Die Sonne scheint durchs Fenster direkt aufs Bett. Sobald man die Tür öffnet, ist da wieder das sanfte Läuten der Kuhglocken die konstante Hintergrundmusik. Es ist acht Uhr morgens und draußen auf dem Steg hat die Sonne das Holz schon angewärmt. Das Wasser ist gar nicht so kalt wie man vermutet hatte. Haut trocknet schnell hier oben. Zähneputzen mit Blick auf das Lenzer Horn und den Piz Furcletta, tief ins sich windende Tal, so müsste das jeden Morgen sein. Wer braucht schon eine Dusche.

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Alle Photos: © Anne Haeming

INFO:

Stierva liegt im Schweizer Kanton Graubünden, am östlichen Rand des Naturparks „Parc Ela“.
www.stierva.ch

www.parc-ela.ch

 

Das Übernachtungs-Netzwerk der Initiative „Wasser und Brot“.
Eine Nacht im Bauwagen kostet 60 CHF.
www.wasserundbrot.ch

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