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Das ist kein Liebesbrief

Hier, passend zum heutigen Tage, eine Geschichte, die jetzt eine Weile bei mir in der Schublade lag.

Briefmarken, 2010

 

 

Vom richtigen Leben mit falschen Briefmarken.
Eine Umtausch-Aktion


Ja, gut, ich habe nicht darauf geachtet, was mir die Frau in der Post über die Theke schob. Wie immer, ein 10-er Set 55er-Marken, selbstklebend, für die Geschäftspost. Normalerweise sind da Brücken drauf, Leuchttürme. Motive unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
Ich merke es erst zu Hause. Auf den Briefmarken sind rote Rosen. Und sie riechen. Nach Rosen. Ich will Rechnungen schicken, verdammt, keine Liebesbriefe.

Beim nächsten Postbesuch schiebe ich sie der jungen Schalterfrau hin. „Die hier haben Sie mir neulich verkauft.“ Ich erkläre, weshalb ich sie umtauschen möchte, finde, sie hätte mich darauf hinweisen müssen. Sie nimmt sie kurz in die Hand, reicht sie mir wieder. „Tut mir leid“, sagt sie. „Aber diese Serie ist ausgelaufen. Ich kann die nur zurücknehmen mit der richtigen Nummer. Und die Nummer haben wir nicht mehr im System.“
Es ist Samstagvormittag, die Schlange reicht bis zur Tür. Und ich halte den Laden auf. Ich hasse so was. Die Schalterfrau sagt, ich solle es vorne am Philatelieschalter versuchen, das gehe sicher. Ich also hin, sage meinen Spruch auf, schiebe die Marken rüber. Und der Mann hinter der Theke sagt:
„Nein, tut mir leid.“
„Aber Ihre Kollegin …“
„Also wenn Sie sie heute gekauft hätten und den Kassenbon dabei hätten, könnte man das machen.“
„Briefmarken umtauschen geht nicht?“
„Nein, steht in unseren Geschäftsbedingungen.“
„Wieso nicht?“
„Wissen Sie, die, die das entscheiden, rufen nicht jedes Mal bei mir an und sagen: Herr S., wir erklären Ihnen jetzt mal unsere neuen AGBs; und sie fragen mich auch nie, bevor sie das Porto erhöhen.“

Ich dachte immer, die Deutsche Post hat seit Jahren ein riesiges Problem. Wer schreibt heute schon noch Briefe und Postkarten. Und die Post, sagt die Post also, tauscht ihre verdammten Briefmarken nicht um. Ich schalte auf Renitenz, unterwegs auf einer hirnrissigen Mission. Ich will es jetzt wissen.

Ich suche auf der Homepage der Post und finde keine Erklärung. Überhaupt ist die Ausbeute im Internet eher mau. 2005 hat sich mal einer in einem Forum über Duftmarken aufgeregt. Er hat auch keine neuen bekommen. Irgendwo lese ich, „unbrauchbar“ gewordene Briefmarken tausche die Post anstandslos um. Moment – unbrauchbar?

Ich rufe die Pressestelle an. Erst mal generell fragen, die müssen ja nicht gleich wissen, dass sie eine beleidigte Kundin an der Strippe haben.
Herr H. erklärt: „Wir tauschen nicht um. Das steht so in den AGBs.“ Wieso weiß er auch nicht. Und was genau meint „unbrauchbar geworden“, wenn ich da aus Versehen einen Becher Kaffee drüber geschüttet habe? – „Das haben jetzt Sie gesagt.“ So kommen wir nicht weiter. Ich oute mich jetzt doch. Wieviele Duftmarken es denn seien, will er wissen; es klingt genervt. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagt Herr H.. „Schicken Sie mir die zehn Marken, ich schicke Ihnen andere zurück – und natürlich auch die Marke, die Sie fürs Porto gebraucht haben.“

So haben wir nicht gewettet.

Ich rufe den Kundenservice an. „Ja klar“, sagt die Beraterin. „Umtauschen gegen den gleichen Wert ist gar kein Problem.“ Ich erkläre ihr, dass ich das zum ersten Mal höre. Sie fragt den Chef, „ja, das geht“. Ob sie mir das auch schriftlich geben könne? „Nein, tut mir leid.“ – „Und was soll ich jetzt machen?“ – „Gehen Sie in eine andere Filiale.“

Ich gehe in eine andere Filiale. „Ja klar“, sagt die Frau hinterm Schalter freundlich. „Umtauschen ist gar kein Problem. Aber wir können das nicht machen.“ – „Wieso?“ – „Das machen nur die richtigen Filialen, wo die Leute hinterm Schalter blaue Uniformen tragen.“ Sie trägt ein T-Shirt.

Ich treffe die Briefträgerin vor dem Haus, sie muss nun auch dran glauben. „Die stellen sich dumm“, sagt sie. „Gehen Sie in eine andere Filiale.“ Aha.

Im Internet finde ich endlich ein PDF der aktuellen Postbroschüre. Auf Seite 94 steht unter der Überschrift „Die richtige Briefmarke“: „Unbrauchbar gewordene Briefmarken tauschen wir Ihnen in den meisten Postfilialen bis zu einem Betrag von 50 Euro gerne gegen postfrische gleichwertige Briefmarken um, bereits verklebte Briefmarken aber nur zusammen mit den dazugehörigen Briefumschlägen bzw. Postkarten.“
Die Post tauscht also nur Marken um, die ihre Kunden aus Versehen „unbrauchbar“ gemacht haben; taufrische nicht.
Na gut.

Ich schütte ein Glas Cola über die Rosenmarken.

Sie sind unbrauchbar.
Ich trage sie in Postfiliale Nummer 3.

Ich schiebe der Schalterfrau die Rosenmarken hin, sage wieder meinen Spruch. Sie hat sofort keine Lust mehr. „Nur mit Bon“, sagt sie. „Aber“, sage ich, „Briefmarken sind doch eindeutig von der Post. Und in Ihrer Broschüre steht nichts von Quittung.“ – „Nur mit Bon.“

Zuhause krame ich in meinen Unterlagen. Den ersten Bon, auf dem der Posten „Pwz-Gebinde 10×55 ct“ aufgeführt ist, stecke ich in mein Portemonnaie. Nicht der Kassenzettel von den Rosenmarken, aber egal. Am nächsten Tag wieder zu Filiale Nummer 3. Hinterm Schalter die Mürrische von gestern. „Hier ist der Bon“, ich schiebe ihn rüber. Sie sagt keinen Ton, nimmt Zettel und Briefmarken, hält ihren Scanner über einen Strichcode. Dann muss ich noch meine Adresse aufschreiben. Das ging einfach, denke ich – frische Marken. Die Schalterfrau greift in eine Schublade, legt mir das neue Gebinde hin.

Rosenmarken.

Ich mag nicht mehr.

Waren die nicht längst nicht mehr im Sortiment? „Bitte“, sage ich „ich möchte andere. Ohne Duft und ohne Rosen“.
Ich bekomme ganz neue, eine Sonderedition mit Udo Lindenberg. Jetzt sehe ich auch die Plakate. Lindenberg, Hut, Sonnenbrille, zwei Worte: „Keine Panik!“ Danke, Udo.

Nachtrag:
Übrigens: Diese neuen zehn habe ich testweise auf Umschläge geklebt und „falsche“ Adressen draufgeschrieben – diese bereits verklebten Briefmarken hat dann Filiale Nummer 4 anstandslos samt Umschlägen genommen und mir neue Marken dafür ausgehändigt.
Und der Philatelieschalter hat inzwischen auch dicht gemacht. Wer braucht schon Briefmarken.