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Interview mit Richard Russo – (Spiegel Online)

Provinzkäffer mit gestrandeten Typen: Das ist das Universum, in dem Richard Russos Romane spielen. So auch „Ein Mann der Tat“, der zugleich jenes abgehängte Amerika abbildet, über das seit der Wahl von Präsident Trump alle reden. Er schreibt seit 30 Jahren und stellt nun etwas überrascht fest: „Auf einmal bin ich im Zentrum der Debatte.“

Das Interview bei „Spiegel Online“ hier.

 

//Und hier eine etwas längere Fassung:

 

Herr Russo, wir werden über Ihren neuen Roman sprechen, aber auch über die Entwicklungen seit der US-Wahl, die Welt der Provinz und der Arbeiter, die Sie in Ihren Geschichten beschreiben …

Richard Russo: Natürlich, gerne! Aber ehrlich: Bis zur Wahl wollte nie jemand mit mir über Politik reden. Jetzt, mit 67, nach 30 Jahren als Autor, bin ich auf einmal relevant?

Wieso sind Sie überrascht?

Ich war davor als Geschichtenerzähler-Schrägstrich-Großmaul gefragt, der einen heiteren Blick auf die Welt hat. Natürlich war bemerkt worden, dass ich über Arbeiter schrieb, die ihre Jobs verloren, und deren Kommunen, und zwar seit meinem ersten Roman „Mohawk“ von 1984. Keiner dachte bis dato, dass das ein lohnenswertes Thema sei.

Neulich zeigten die TV-Nachrichten einen Tagebau-Besitzer aus den USA. Er freute sich, dass Präsident Trump das Klimaschutzabkommen verlassen will, er habe schon viele alte Kumpel wieder eingestellt – endlich könnten sie wieder arbeiten. Es wirkte wie aus einem Russo-Universum: eine aus der Zeit gefallene Kleinstadt mit gestrandeten Typen, die sich mit Kleinjobs oder als Trödler verdingen, wo nun auch Ihr “Ein Mann der Tat” spielt. Hatten Sie auch solche Déjà-Vus?

Ich bin in einer solchen Welt aufgewachsen. In meiner Heimatstadt in Upstate New York begann der Niedergang in den späten 1950ern – ein Vorbote zu heute. Etwa 90 Prozent aller Abendhandschuhe und Lederwaren wurden damals in Gloversville produziert. Dann wurden die Jobs ins Ausland verlagert. Einige saßen lange der Desillusion auf, dass eines Tages die Gerbereien wieder aufmachen würden. Das wird auch mit den Kohlegruben nicht passieren. Das ist Bullshit. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie begriffen: Die Zukunft ist nicht die Vergangenheit. Und auf einmal befinde ich mich damit im Zentrum der Debatte.

Spiegelt dieses Desinteresse am Thema nicht exakt die Analysen nach der Wahl: Politik wie Medien hatten sich in ihrer Blase von der Blue-Collar-Welt der Arbeiter zu weit entfernt?

Das lässt mich schlauer aussehen als ich bin. Es war ja nur die Welt, die ich kannte! Eine, in der jene Arbeit verloren ging, die in der Provinz Gemeinsinn, Identität und Stolz stiftete. Die Lederindustrie gab den Leuten bei uns das Gefühl: Das ist unser Platz im sozialen Gefüge. Wir gehören dazu.

Wie wurde das zu Ihrem Thema?

Ich fand so meine Stimme als Autor. Anfang der 1980er hatte ich mein Handwerk gelernt als Erzähler, aber ich wusste noch nicht, wer ich war, wen oder was ich liebte. Meine Bildung nutzte ich, 2500 Meilen von meinem Zuhause wegzugehen, ich erschloss mir eine neue Welt, mit mehr Chancen, das war der Traum meiner Mutter. Und in den Uniferien im Sommer ging ich stets zurück und arbeitete mit meinem Vater im Straßenbau. Da begriff ich: Diese Welt, mit all diesen hart arbeitenden Menschen, liebte ich am meisten.

Als Autor seine Stimme finden: klingt sehr abstrakt. Was genau passierte?

Ich bereitete gerade meinen Kurs für den nächsten Tag vor: Ich wollte John Steinbecks „Straße der Ölsardinen“ durchnehmen. Ich las eine Passage über Dora Floods Bordell, in der auf einmal ein allwissender Erzähler auftaucht: Er spricht über den Laden als sei es ein ehrenhafter Club, in dem Männer in Ruhe ihr Bier trinken. Und Dora als „eine großartige Frau“ bezeichnet. Diese trockene Erzählerstimme zu erkennen, die uns an die Hand nimmt und uns nicht nur sagt: Hier ist die Welt. Sondern auch: So solltet ihr sie sehen, war wie das letzte Puzzlestück, das mir fehlte. In diesem Moment fiel mir die Kinnlade runter.

Das Bordell scheint wie die Kneipen in North Bath, dem Schauplatz von “Ein Mann der Tat” und dem Vorgänger “Ein grundzufriedener Mann” (verfilmt mit Paul Newman, Bruce Willis und Philip Seymour Hoffman): Fixpunkte eines Kleinstadtlebens, wo alle alle seit immer kennen und man sich nicht aus dem Weg gehen kann.

Ja, jeder weiß: Um 10 Uhr morgens finde ich Sully in dieser einen Kneipe.

Alles also wie immer, jeden Tag. Wie wichtig ist das für Ihr Erzählen?

In diesem Buch beginnt man zu sehen, wie diese Konstanz schwindet. Die Geschichte spielt 1999, vielleicht 2000. Das war mir wichtig, weil so vielleicht der Bürgermeister ein Handy hat, aber sonst keiner in diesem in seiner Zeitkapsel gefangenen Städtchen. Zwei, drei Jahre später werden alle eins haben, und vier, fünf Jahre danach werden sie mit dem Internet verbunden sein. Heute ist in Gloversville jeder so “verdrahtet” wie ich oder Sie in Berlin.

Das deckt sich mit der Erzählgeschwindigkeit: Sie decken nur das lange Memorial-Day-Wochenende ab – auf 700 Seiten.

Die Geschichte läuft langsam wie ein Gletscher voran. Ich werde mir wohl etwas ausdenken müssen, da diese Welt verschwindet: Die Technologie verändert alles. Ich kann wohl nur noch historische Romane schreiben.

Zugleich ändert sich die Verfassung der Männer: Aus dem “Nobody’s Fool” Sully, einem Typ, der sich in den 1980ern nichts vormachen lässt (dt. “Ein grundzufriedener Mann”), wird “Everybody’s Fool”, dem Polizeichef Raymer, dem Doofen vom Dienst der Jahrtausendwende (dt. “Ein Mann der Tat”). Wieso so desillusioniert?

Stimmt, das ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen: Das eine ist ein verstecktes Kompliment, das andere macht die Figur lächerlich. Aber insgesamt sind Männer wütender, die Welt von North Bath ist dunkler geworden. Es gibt sogar Bösewichte deren einziger Lebenssinn ist, grausam zu sein.

Sie sagten einmal, sie lieben die Generation Ihrer Eltern wegen deren Optimismus. Wo ist der hin? Denn Ihre Typen sind traurige Existenzen, eine Figur sagt gar: Warum brauchen wir Männer überhaupt?

Die Frage ist im evolutionären Sinn auch korrekt: Wir leben in einer Ära, in der die mächtigsten Männer der Welt jene sind, die Code schreiben. Wo bitte lässt das den Helden aus Beowulf? Aber ich finde, meine Männer durchlaufen durchaus eine Entwicklung. Polizeichef Raymer denkt, die ganze Kommune hält ihn für einen Loser. Er muss buchstäblich vom Blitz getroffen werden, um zu erkennen, wer er ist und dass seine Kollegin Charice ihn gut finden könnte. Das ist sehr optimistisch! Das ist doch nicht Nichts!

Raymer löste Sully als Hauptfigur aus dem ersten Band ab – weshalb eigentlich?

Sully ist immer noch ein wichtiger Charakter, der Don Quijote in einem Kaff. Das Problem ist, dass ich ihn erfand, als er 60 war, jetzt ist er 70. Ich hätte so schlau wie John Updike sein müssen, der seinen Rabbit als jungen Typen einführte. Darum wird es kein Buch mehr mit Sully geben – er muss Abenteuer erleben, nicht im Altenheim wohnen. Und ich liebte schon immer Bücher, in denen Nebenfiguren so lebendig gezeichnet sind, dass sie Helden sein könnten.

Wie ein Spin-Off.

Genau: Figuren, die bei Netflix eine eigene Serie verdienten. Deswegen gebe ich ihnen in meinen Büchern so viel “Screentime”.

In dem Zusammenhang passt ein anderer Satz von Ihnen: “Geschichtenerzählen ist eine Übung in Empathie”. Wollen Sie uns Lesern so unsere Vorurteile vor die Nase halten?

Ich zeige Menschen, bei denen man erst denken mag: Wirklich? Ist da genug zu erzählen? Und dann entdeckt man, dass diese Person ein unfassbar reiches Seelenleben hat, was man in ihrem Dasein als Nebenrolle gar nicht vermutet hätte. Es geht mir darum, mit freundlicher Neugier auf andere zu schauen. Und das Bedürfnis zu wecken, für eine Weile Zeit im Leben eines anderen zu verbringen.