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Die Top 5 Belletristik-Bestseller – (Spiegel Online)

Die finale Liste lässt keinen Zweifel: Wir hängen fest zwischen Weltuntergang und Weltflucht. Keine Nuancen, nirgends. Das ist zumindest die Stimmung der Topverkäufe des Jahres, die „Buchreport“ sonst jede Woche in Kooperation mit „Der Spiegel“ ermittelt. Und zwar bei den Romanen wie den Sachbüchern gleichermaßen.

Die kompaktere Fassung drüben bei SpOn, hier tutti:

PLATZ 1
Sebastian Fitzek:
Der Insasse“

Darum geht’s: Vor einem Jahr ist der kleine Max verschwunden. Sein Vater will ihn finden. Indem er sich in die geschlossene Psychiatrie der Steinklinik einweisen lässt – wo der geständige Täter Tramnitz einsitzt. Der Trick: Der Vater schleust sich unter der Identität eines Patienten namens Patrick Winter ein. Und hat damit plötzlich eine Vita als hochbegabter Versicherungsmathematiker an der Backe, der auf Konzertpianistenniveau spielt, einen Hirntumor hat und klinikintern als Kinderschänder gilt. Ja, Fitzek lässt sich nicht lumpen. Dass sich diese Verwicklung am Ende doch ganz anders auflöst, hat den Effekt von Reißzwecke auf Luftballon: pffffft.

Typischer Satz: „Ich bin in Winters Blut ausgerutscht. War das Gehirnflüssigkeit, was aus seiner Nase trat?“

Bestseller-Zutaten: Hier wird vor allem eine Marke gekauft. Fitzek steht seit 2006 für Krimis, die behaupten, Thriller zu sein. Er war mal Unterhaltungschef vom „Berliner Rundfunk“, hat sich TV-Shows ausgedacht: Massengeschmack kann er. Allein Ende 2017 war er mit zwei Titeln in den Top11 der Jahresbestseller. Indiz, dass das Prinzip aufgeht: „Der Insasse“ ist erst im Oktober erschienen. Und zack Platz 1 des gesamten Jahres. Als wäre der Stoff Mangelware.

Zu Recht Bestseller? Man kann’s objektiv nur auf den Zug der Marke schieben. Weil: Thriller, naja. Eher Ikea-Bauanleitung. Da ist jeder Tatort aufregender. Offenbar war die aktuelle Verfilmung auch nicht doller.

Diese Alternativen kommen 2019: Um mal in der gleichen Gewichtsklasse zu bleiben: Der sechste Band aus Simon Becketts Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter erscheint im Februar: „Die ewigen Toten“ (Wunderlich). Ein Thriller, klar.

DAS BUCH: Sebastian Fitzek: „Der Insasse“, Droemer Oktober 2018, 384 Seiten, 22,99 Euro

PLATZ 2
Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“

Darum geht’s: Die Welt droht, vom Supercomputer Ares und seiner Künstlichen Intelligenz ausgelöscht zu werden. Der Provinzsheriff Luther Opuku kommt diesem Silicon-Valley-Unterfangen auf die Spur, als er am Rande seiner kalifornischen Geisterstadtpampa eine Frauenleiche findet. Dann kommen Zeitreisen und Paralleluniversen und andere Opuku-Versionen dazu. Ob der Kampf Mensch gegen Biowaffen-Apokalypse und Maschinenmacht gelingt?

Typischer Satz: „Pulsschläge des Universums. Lange, hallende Töne, die sich im Meer der Galaxien verlieren. […] Winzige schwingende Saiten, deren Musik sich zu leuchtenden Strukturen schichtet. Schweben, inmitten von Sonnen erforen.“

Bestseller-Zutaten: Wie bei Fitzek, Neuhaus, Brown gilt auch hier: Schätzing bleibt seiner Bestseller-„Brand“ treu. Epische Länge und Protagonistenlisten wie bei „Krieg und Frieden“. Dazu alle Top Acts unserer Zeit: Flüchtlingswanderungen, Robotik, Weltraummission und Biosphärenrettung. Sheryl Sandberg, Elon Musk und Ed Sheeran. Fehlt nur die Filmmusik von Hans Zimmer. In 4D.

Zu Recht Bestseller? Schätzings Ruf seit seinem „Schwarm“-Debüt ist zwar wie eine Bugwelle, die vorausschwappt. Aber im Kielwasser bleibt dann doch nur ein Hin und Her aus stakkatohaften Wortsteinbrüchen und verquasten Serpentinen-Metaphern-Sätzen in einem Meer aus Allem-Was-Das-Universum-Hergibt.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Da die TV-Serienadaption vom „Schwarm“ erst noch gedreht werden muss: Nehmt doch einfach das groß gedachte Prequel „Perry Rhodan. Das größte Abenteuer“ (Februar, Fischer Tor) von Andreas Eschbach. Oder, ein bisschen geschummelt, das frisch im Dezember erschienene neue Werk von Sci-Fi-Gott Neal Stephenson und Histo-Roman-Autorin Nicole Galland „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O“.

DAS BUCH: Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“, KiWi April 2018, 736 Seiten, 26 Euro


PLATZ 3
Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Darum geht’s: Ingwer Feddersen, Prähistoriker, Ende 40, fährt heim in die schleswigsche Pampa. Um sich ein Jahr lang nicht um die Forschung, sondern um die greisen Großeltern und deren Dorfkneipe zu kümmern. Eine Heimat, in der man „gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien“ konnte, „es brachte nichts“, in der der Shell-Atlas das einzige Buch des Hauses ist, in der die untergangsgläubige, einzelgängerische Mutter Marret meist geistig abwesend und irgendwann auch tatsächlich weg war. Ingwers rühriges Kümmern und Sinnsuchen hier, kapitelweise Szenen aus Marrets Alltag vor ihrem Verschwinden dort: eine Geschichte über Herkunft und Veränderung. Und dann und wann ein „Kümmerling“.

Typischer Satz: „Er schien aus diesem Land gemacht zu sein. Ein Altmoränenmensch, geschoben und verschrammt, Schleifspuren am Gemüt von alten Gletschern.“

Bestseller-Zutaten: Wie beim Mega-Bestseller, ihrem Debüt „Altes Land“ von 2015, stellt Hansen nun wieder zwei Figuren ins Zentrum, die im Dorf wie Solitäre wirken: eingeführter Erfolgsname, Wiedererkennungseffekt, dazu ein unverwechselbarer, liebenswerter Mikrokosmos. Reicht bei Hansen dicke.

Zu Recht Bestseller? Schon allein wegen dieses zarten Bildes, das rund um die „Mittagsstunde“ entsteht: Es ist der Moment auf dem platten Land im hohen Norden, in dem sich die Bauern kurz aufs Ohr hauen, um Schlaf nachzuholen. In dem sich nichts rührt. In dem man davon stibitzen kann. Um ungesehen zu sein. Und einfach mal man selbst.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Die Stadtflucht nimmt sich Jan Brandt in „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt” vor die Brust (Mai, Dumont). Und Saša Stanišić dröselt seine “Herkunft” (März, Luchterhand) auf.

DAS BUCH: Dörte Hansen: „Mittagsstunde“, Penguin Oktober 2018, 320 Seiten, 22 Euro.


PLATZ 4
Jojo Moyes: „Mein Herz in zwei Welten“

Darum geht’s: Zarte, herzbrüchige Frau in der großen, großen Stadt: der Klassiker der Initiationsstorys. Im dritten Teil der Reihe landet Louisa Clark in New York, tritt einen Job als eine Art Dienstmädchen und Familien-Nanny bei einem Fantastillionär an und muss, klar, in einer Kemenate hausen. Sie hat Heimweh nach England. Und schafft es, Überraschung, anzukommen in diesem „Neuanfang“. Das war’s auch schon.

Typischer Satz: „Pferdekutschen! Yellow Cabs! Unglaublich hohe Gebäude!“

Bestseller-Zutaten: Dass Romanserien einen ganz eigenen Drive haben, ist im Zeitalter des Binge-Watching wenig überraschend. Wann gibt’s eigentlich was Neues von E.L. James?

Zu Recht Bestseller? Sagen wir so: Man könnte auch einfach Kurt W. Streits Jugendreihe um „Renate, die Flugstewardess“ aus den 1950ern und 1960ern noch mal lesen.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Gleich zwei Bände einer Fortsetzungsgeschichte in einem Buch, wenn auch nicht ganz so unterkomplex: Anne Carsons “Rot. Zwei Romane in Versen” (Juni, S. Fischer), eine Zeitreise von der Antike ins Heute.

DAS BUCH: Jojo Moyes: „Mein Herz in zwei Welten“, Wunderlich Januar 2018, 592 Seiten, 22,95 Euro.

PLATZ 5
Nele Neuhaus: „Muttertag“

Darum geht’s: Unter einer Betonplatte im Garten eines toten Alten findet die Kripo noch mehr Leichen, Skelette. Er und seine Frau hatten über die Jahre 30 Pflegekinder – und sperrten sie in Kühltruhen, Brunnenschächte. Die Liste an Verdächtigen ist also lang. Und auch die Liste an ähnlich zugerichteten Leichen quer durchs Land. Alle getötet oder verschwunden, immer am, genau: „Muttertag“. Das Taunus-Kripo-Duo Sander/Bodenstein wirft sich in die Ermittlungen, in die sich ein zweiter Strang windet: Der einer jungen Züricherin, die ihre biologische Mutter sucht. Und am Ende auch im Taunus landet.

Typischer Satz: „Ich habe nur über etwas nachgedacht“, sagte Kriminalhauptkommissarin Pia Sander. „Was, wenn Menschen einfach böse sind und das gar nichts mit ihrer Kindheit zu tun hat?“

Bestseller-Zutaten: Wer es wie Neuhaus geschafft hat, dass nach zehn Jahren im Geschäft der Begriff „Taunuskrimi“ für sie erfunden wurde, braucht sich um die Verkaufe keine Sorgen zu machen. Zudem zieht das Prinzip Serie: Es ist der neunte Fall für das Duo Bodenstein/Sander (früher Kirchhoff).

Zu Recht Bestseller? Es geht hier nicht um zielgerichtetes, dichtes Erzählen, sondern explizit um den Füllstoff. Ihre Leser*innen wollen sich in einen Schmöker reinfallen lassen wie in eine ganze Serienstaffel, 560 Seiten lang. Ohne dass einen die Sprache auf jeder Seite schaudert. Und das geht.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Gehen wir mal nicht nach Sujet, sondern nach Genre, dann sei Ihnen schon einmal der Agententhriller “Unit 8200” (ab März bei Rowohlt) von Dov Alfon, selbst einst Geheimdienstoffizier in der israelischen Armee, warm empfohlen. Oder (ab März, Harpercollins) der JFK-Attentats-Krimi “Destination Dallas” von Lou Berney.

DAS BUCH: Nele Neuhaus: „Muttertag“, Ullstein November 2018, 560 Seiten, 22 Euro.