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Die Top 5 Sachbuch-Bestseller 2018 – (Spiegel Online)

Die finale Liste lässt keinen Zweifel: Wir hängen fest zwischen Weltuntergang und Weltflucht. Keine Nuancen, nirgends. Das ist zumindest die Stimmung der Topverkäufe des Jahres, die „Buchreport“ sonst jede Woche in Kooperation mit „Der Spiegel“ ermittelt. Und zwar bei den Romanen wie den Sachbüchern gleichermaßen.

Die kompaktere Fassung drüben bei SpOn, hier tutti:


PLATZ 1
Michelle Obama: „Becoming. Meine Geschichte“

Darum geht’s: „Ich werden“, „Wir werden“, „Mehr werden“: In dieser Steigerungsform erzählt Michelle Obama nicht nur sich selbst und den Alltag im Weißen Haus. Sondern davon, wie sie als Juristin einst den Sommerpraktikanten Barack Obama betreute, ihm zuschaute, wie er in Flipflops Basketball spielte, bis sie als POTUS und FLOTUS in Washington landeten, es dennoch schafften, als Paar in kleinen Lokalen zu sitzen und Skifahren als Freiheitsmoment in der Blase zu entdecken. Ihre Geschichte zeigt, dass Liebe heißen kann, eine Unterhaltung begonnen zu haben, die nie endet. Und dass aus einer lebenslangen beruflichen Ambition ein gesellschaftspolitischer Impetus wird. Wer es bislang nicht wusste: Sie war nie nur „die Frau von“.

Typischer Satz: Klingt nach Binse, taugt aber als Mantra: „Als ob das Werden ein Ende hätte. Als ob man irgendwann etwas geworden ist, und damit hat es sich dann.“

Bestseller-Zutaten: Als ob das unbestreitbare Charisma von Michelle Obama nicht völlig ausreichte: Ihre kompromisslose Menschenfreundlichkeit ist die dringend nötige Alternative zum grassierenden Rotz allüberall auf den Tannenspitzen. Bedarf scheint vorhanden: Kaum erschienen im November, war „Becoming“ überall sofort auf Platz 1.

Zu Recht Bestseller? Ihre geradlinige No-Bullshit-Haltung ist inspirierender als alle Ratgeberbücher aller Jahresbestsellerlisten zusammen. (Mehr hier)

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Die stille, schlaue Kraft, die von Ex-Bundeskanzlergattin Loki Schmidt ausging, hinterließ hierzulande ebenfalls Spuren. „Ein Jahr mit Loki“ von Lothar Frenz (Februar, Rowohlt Berlin) erzählt ihre Geschichte; sie so auf ihren Vornamen zu reduzieren, hat sie nicht verdient.

Das Buch: Michelle Obama: „Becoming. Meine Geschichte“, aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner, Goldmann November 2018, 544 Seiten, 26 Euro.

 

PLATZ 2
Stephen Hawking: „Kurze Antworten auf große Fragen“

Darum geht’s: „Gibt es einen Gott?“, „Wie hat alles angefangen?“, „Werden wir auf der Erde überleben?“: Es ist das letzte Buch des Über-Physikers Stephen Hawking, der im Frühjahr 2018 gestorben ist. Mit Fragen wie Antworten geht er wirklich aufs Ganze – liefert einen physikalisch genial schlüssigen Anti-Gottesbeweis, erklärt Strintheorie und die Energie schwarzer Löcher. Und schildert Teilszenarien unserer Zukunft, etwa über die Summe der Weltbevölkerung oder die Eigenständigkeit Künstlicher Intelligenz, die selbst ihm, dem ewigen Glas-Halb-Voll-Typen „zu gewaltig“ und „zu viele“ sind: „Es fällt mir schwer, optimistisch zu sein.“ Uff.

Typischer Satz: „Ich verwende das Wort ‚Gott’ wie Einstein in einem unpersönlichen Sinn für die Naturgesetze.“

Bestseller-Zutaten: Die Welt in der Dauerkrise und Stephen Hawking ordnet lässig und mit viel Freude die Naturgesetze. Seine unschlagbare Mischung: Er spielt Wissenschaft und Religion nicht gegeneinander aus – und nimmt sich selbst nicht zu ernst. Der nächste auslöschende Asteroideneinschlag hat genauso Platz wie seine Zeitreiseparty, zu der keiner kam, weil er die Einladungen am Tag danach verschickte. Beweis: Das Buch erschien Anfang Dezember. Und holte Jahresbestsellersilber.

Zu Recht Bestseller? Hawking belegt mal wieder die Erfahrung: Wer Bücher von Menschen liest, die schlau und dazu weise sind, wird dabei selber etwas schlauer. Hawking reicht dafür ein schmaler Band. Keiner macht mehr Lust auf Weltneugier als er.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Andere Wissenschaft, aber ebenso gattungsüberschreitend wie zukunftsweisend: das Hauptwerk des zeitgenössischen chinesischen Philosophen Zhao Tingyang „Alle unter einem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ (September, Suhrkamp).

DAS BUCH: Stephen Hawking: „Kurze Antworten auf große Fragen“, aus dem Englischen von Hainer Kober unter Mitarbeit von Susanne Held, Klett-Cotta Dezember 2018, 255 Seiten, 20 Euro.

PLATZ 3
Bas Kast: „Der Ernährungskompass“

Darum geht’s: Kriegt einer beim Joggen Herzstechen. Und merkt, dass der Sport die Pommes und Chips, die er in sich reinschiebt, doch nicht wirklich so kompensiert, wie er immer dachte. Als Wissenschaftsjournalist beim „Tagesspiegel“ macht Bas Kast das Naheliegende: Er recherchiert sich durch alle Ernährungs- und Diätstudien, die er finden kann – breitet hier seine Ergebnisse aus. Über Atkins, Intervallfasten, Vitamin-Tabletten, die exakte gesundheitsfördernde Menge Alkohol, er zeichnet und erklärt die Moleküle aller Fette und rät dringend zu Wildlachs, des Eiweißgehalts wegen.

Typischer Satz: „Es wird zunehmend deutlich, dass es so etwas wie die eine Diät, die universell für uns alle die beste ist, nicht gibt.“

Bestseller-Zutaten: Geschrieben von Laie mit Wissenschaftsexpertise, also niedrigschwellig, aber fundiert. Und ein Ritt durch alle Ernährungsprärien, da wird jeder satt.

Zu Recht Bestseller? Dass Bas Kast keine Aktien in irgendeiner Ernährungsform hat, ist ein großes Pfund. Dass er als Wissenschaftsjournalist Forschungsergebnisse so übersetzen kann, dass sie mit Blick in den eigenen Kühlschrank Sinn machen und er Rückgrat genug hat, „ein vorsichtiges Fazit“ zu ziehen, schafft Vertrauen. Aber dass Fett nicht so böse ist, wie alle dachten, Zucker dagegen schon und Nüsse super sind, sind nu wirklich olle Kamellen. (Das sagen die anderen.)

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Je nach, ähem, Geschmack: Die Fortsetzung des 2017er-Bestsellers von Andreas Michalsen, dem undogmatischen Charité-Professor für Klinische Naturheilkunde: „Mit Ernährung heilen – Besser essen – einfach fasten – länger leben. Neuestes Wissen aus Forschung und Praxis“ (Februar, Insel). Oder doch die Generalabrechnung von Nils Binnenberg „Ich habe es satt! Wie uns Ernährungsgurus krank machen“ (März, Suhrkamp).

DAS BUCH: Bas Kast: „Der Ernährungskompass. Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung“, C. Bertelsmann März 2018, 320 Seiten, 20 Euro.

PLATZ 4
Thilo Sarrazin: „Feindliche Übernahme“

Darum geht’s: Es ist sowas wie die Fortführung von „Deutschland schafft sich ab“: Hier will einer ein für alle Mal für dringendes politisches Handeln werben. Und wasserfest vorrechnen, dass die Republik untergeht, wenn weitere Muslime ins Land kommen oder die, die hier leben, noch weitere zeugen. Weil dann der aus Sarrazins Sicht rundweg minderwertigere Islam „Mehrheitsreligion“ wäre. Und Muslime auch die Politik dominierten. Statt Schaum vorm Mund gibt es hier Statistiken, Schaubilder, seitenweise Tabellen. Und ausführliche demographische, psychologische, sozioökonomische Beweisführungen. Die ganz ruhig den „insulären Charakter der islamisch geprägten Kulturen“ anprangern, das eingeschränkte „Meinungsklima“, die „gegenüber Wissen und Fortschritt gleichgültige Natur des Islam“, die diskriminierte Rolle der Frau. Oh, wait …

Typischer Satz: Ok, Teilsatz: das „ohnehin immer virulente Gefühl der Muslime, Ungerechtigkeit zu erfahren …“.

Bestseller-Zutaten: Sarrazin, der Islam und das ewig scheinheilige Geraune vom „Endlich sagt’s mal einer“. Dazu der „Skandal“ im Sommer, als Random House sich weigerte, das Buch zu veröffentlichen und er damit flugs beim „Finanzbuchverlag“ unterkam. Dass die SPD nun erneut versucht, ihn rauszuschmeißen, schadet sicher auch nicht: Märtyrereffekt eben.

Zu Recht Bestseller? Wer inhaltlich hinter Sarrazin steht, dem kann man hier nicht mit Fakten kommen, seine rhetorische Fallenstellerei entblößen. Aber eine Erhebung würde lohnen: Alle Käufer*innen besuchen, das Buch aufblättern – und voilà: Der Buchrücken ist ungebrochen, die ersten zehn, vielleicht die letzten zwei Seiten blättern leicht auf. Alle mittendrin eingeschlafen.

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Gutes Gegengift: “Warum so viel Hass?”, die Essaysammlung von Leïla Slimani (Mai, btb). Der Reportageband “12 Wochen in Riad” der Spiegel-Kollegin Susanne Koelbl (April, DVA). Oder doch direkt zu Sophie Passmanns „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ (März, Kiwi) greifen.

DAS BUCH: Thilo Sarrazin: „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“, Finanzbuchverlag August 2018, 496 Seiten, 24,99 Euro.

PLATZ 5
Michael Wolff: „Feuer und Zorn“


Darum geht’s:
US-Präsident Donald Trump ist gewählt, tritt sein Amt an – und die Hölle ist los. Der Journalist Michael Wolff setzt sich auf ein Sofa im Weißen Haus und bleibt. Sieht, wer kommt, wer geht, quatscht mit dem und jenem. Und führt diese Recherchen in einem mitunter fast nach Tagesprotokoll klingenden Rundumbericht zusammen: über Trumps Arbeitsgewohnheiten (mäßig), seine Paranoia, vergiftet zu werden (drum am liebsten Burger King), seine Aussetzer (zehn Minuten, dann von vorne). Und die Ränkespiele seiner Entourage: wie Ex-Chefberater Steve Bannon und „Jarvanka“, Trumps Tochter und Schwiegersohn, um strategische wie inhaltliche Macht ringen, bis sich die Russlandverschwörung durch alles frisst (Interview hier; reinlesen hier).

Typischer Satz: „Beim Blick auf einen der vielen Fernsehbildschirme, die im West Wing ständig liefen, sah Bannon zufällig Kushner, wie er mit einem Headset auf dem Kopf in einem Helikopter über Bagdad flog.“

Bestseller-Zutaten: Außer Trump als unberechenbarer Bösewicht? Wolffs Nähe zum Geschehen, die tatsächliche wie die behauptete. Und der voyeuristisch-sensationslüsterne Ton.

Zu Recht Bestseller? Als detaillierte Chronik dieser ersten neun Monate samt aller Protagonisten zweifellos. Doch: Das Buch ist durchzogen davon, wer wann was „begeistert“ zu wem gesagt hat, wer vor welchem Satz einen Schluck Wasser trinkt, ohne das Wolff selbst zugegen war. All das füttert das Gefühl, dass hier die Grenzen zwischen Fakt und Behauptung verwischen – was US-White-House-Journalist*innen nach Erscheinen immer deutlicher benannten. (Was die Kollegen hier sagen? Das.)

Auf diese Alternativen warten wir 2019: Bis die Taschenbuchausgabe von Ta-Nehisi Coates’ “We Were Eight Years in Power: Eine amerikanische Tragödie” erscheint (September, Fischer): alle sieben Staffeln „The West Wing“ anschauen. Für einen authentisch fiktionalen Hinter-die-Kulissen-Blick, besseres Ende inklusive.

DAS BUCH: Michael Wolff: „Feuer und Zorn. Im Weißen Haus von Donald Trump“, aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Thomas Gunkel, Dirk van Gunsteren, Gregor Hens, Werner Schmitz, Jan Schönherr, Nikolaus Stingl, Rowohlt Februar 2018, 480 Seiten, 19,95 Euro.