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Nature Writing: 10 Bücher – (Spiegel Online)

Zur Analyse über deutsches „Nature Writing“ gehört natürlich eine erweiterte Leseliste.
Ein Teil erschien nach Wildnis-Wetter-Wald-Tier-Kategorien etc. sortiert hier – und inklusive Weiterlese-Empfehlungen direkt hier unten. Und daneben spaßeshalber gebündelt drei Bücherlisten mit Neuerscheinungen 2018 zu Themenfeldern wie Naturbetrachtungen, „Wir im Tier“ und den omnipräsenten „Bienen-Büchern“.

WILDNIS
Erin ist 19 als sie eine Doku über einen dieser Aussteiger sieht, die in Alaska als „Mountain Men“ leben, ihr Alleinsein, die Freiheit in der Wildnis feiern. Und sie begreift, dass dieser Film, wie all die Bücher von Jack London und Henry David Thoreau eine Natur präsentieren, die in ihrem Blick ganz anders wirken würde: dem einer Frau. Also packt sie ihren Rucksack und zieht los, mit Frachtschiff und zu Fuß nach: genau, Alaska. Über ihr Alter Ego zeigt uns Abi Andrews mit scharfer Selbstreflektion die Wildnis, wie wir sie noch nie gesehen haben.
Das Buch:
Abi Andrews: „Wildnis ist ein weibliches Wort“, Tempo 2018, 400 Seiten, 22 Euro.
Weiterlesen: Rudolf Borchardt: „Der Deutsche in der Landschaft“, (1925) Matthes & Seitz 2018, 552 Seiten, 25 Euro.

WETTER
„Himmeln“: ein Wort wie ein Abendwolkenschauspiel. Der englische Maler John Constable bezeichnete so seine täglischen Himmelsstudien, schnelle Wolkenskizzen, dazu Uhrzeit, Windrichtung. Den wissenschaftlichen Forscherdrang, der sich hier mit poetischem Beobachten verbindet, packt Klaus Reichert in „Wolkendienst“ zu etwas Einzigartigem zusammen: hier wehen Meteorologiehistorie und Wetterkunst ineinander. Auf dass man fortan anders nach oben schaut.
Das Buch:
Klaus Reichert: „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“, S. Fischer 2016, 248 Seiten, 26 Euro.
Weiterlesen: Werner Herzog: „Vom Gehen im Eis. München-Paris 23.11 bis 14.12.1974“, (1978) Hanser 2012, 10 Euro.

TIERE
Das Buch ist längst ein moderner Klassiker und hat die neue Welle des angelsächsischen „Nature Writing“ international bekannt gemacht: Helen Macdonalds Erlebnisse mit Mabel, dem Habicht. Eine Art Selbstgehung draußen in der wilden Natur, in der Trauer nach dem Tod ihres Vaters. Selbst wer nichts mit Greifvögeln anfangen kann: Diese feine Analyse als Tier-Mensch-Duo lässt auf jeder Seite Neues aufblitzen. Macdonalds Schreibe verbindet unverwechselbar gelassenes, kritisches Selbstgespräch mit Waldszenen, die wirken, als würde man neben Rehen auf eine Lichtung blicken. In ihrer Zeit mit Mabel, schreibt sie etwa, habe sie besser gelernt, was es heiße, wie ein Mensch zu fühlen – weil sie nun, zumindest in der Phantasie, genauer wisse, wie es sei, keiner zu sein.
Das Buch:
Helen Macdonald: „H wie Habicht“, aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer, Ullstein 2016, 416 Seiten, 20 Euro.
Weiterlesen: Sebastian Unger: „Die Tiere wissen noch nicht Bescheid. Gedichte“, Matthes & Seitz 2018, 88 Seiten, 20 Euro.

WALD UND GELÄNDE
Auch hier, wie bei Macdonald, steht ein Tod, ein Abschied, die Trauer am Anfang. Eine Reise nach und durch italienische Regionen, gemeinsam geplant, alleine gemacht. Und so wirkt Esther Kinskys „Geländeroman“ durch verschiedene Sorten von „Hain“ als ob die Erzählerin sich übers Beobachten am Jetzt festhält: So genau ist ihr Fokus, mit dem sie wandelnde Lichtstimmungen, raschelndes Brombeergestrüpp oder den kleinen Falter auf dem Scheibenwischer wahrnimmt. Immer auf der Suche nach Perspektive. Sie findet sie im Blick auf die Landschaft, die daliegt wie „ein Netz kleiner Irrwege durch längst Dagewesenes und nicht mehr Aufsuchbares“.
Das Buch:
Esther Kinsky: „Hain. Geländeroman“, Suhrkamp 2018, 287 Seiten, 24 Euro.
Weiterlesen: Robert Macfarlane: „Alte Wege“, Matthes & Seitz 2016, 346 Seiten, 32 Euro.

WASSER
Egal in welche Richtung sie marschiert, binnen weniger Meter bis Kilometer trifft Amy Liptrot auf Wasser, auf sprühende Gischt, dort auf Orkney, wo sie aufgewachsen ist. Sie ist zurück, weil London sie in einen Alkoholnebel gezogen hat, hier befreit sie sich, Schwimmzug um Schwimmzug neben Seehunden und Seetang, im Regen und nachts. Die aufgewühlte See – wie die Querfeldeinwanderungen quer über die Inseln – wird zum Mittel gegen ihr aufgewühltes Inneres. Liptrots „Nachtlichter“ ist ein Paradebeispiel für „New Nature Writing“ als Mix aus poetischer Annäherung und profunder Naturkunde: weil sie sich in Flora und Fauna spiegelt und Orientierung findet, die die Stadt nicht bieten konnte.
Das Buch:
Amy Liptrot: „Nachtlichter“, aus dem Englischen von Bettina Münch, btb 2017, 352 Seiten, 18 Euro.
Weiterlesen: Jessica J. Lee: „Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin“, Berlin Verlag 2017, 336 Seiten, 18 Euro.